INGOLF BURKHARDT
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1. Blues For Viv 6:10
2. Autumn Suite Pt. I 4:23
3. Strangers In The Night 7:13
4. Trefour 4:44
5. Kids 7:35
6. Autumn Suite Pt. II 6:04
7. Klonk Ride 5:28
8. Spring Ballad 7:38Ingolf Burkhardt: trumpet
Vladislav Sendecki: piano
Detlev Beier: bass
Ian Thomas: drumsRecorded at NDR Studios 1 on Dec. 10 & 11, 1998
Der Mann verströmt gute Laune. Unverschämt gute Laune geradezu. Wie er aus dem Bühnen-Hintergrund nach vorne tritt: Der Schritt federt. Die Trompete baumelt leicht am Arm herunter. In das jungenhafte Was-Kostet-die-Welt-Gesicht hat sich ein schelmisches Lächeln eingegraben.Hochkonzentriert hebt Ingolf Burkhardt an. Das Solo kommt auf die Sekunde genau, der Ansatz messerscharf. Das ist Präzisionsarbeit. Doch die heitere Gelassenheit verfliegt dabei nie. Sie durchdringt die satten Melodiebögen, formt jeden Ton mit, füllt den Raum. Ja, der Mann hat spürbar Spaß am Spielen. Ganz gleich, ob es ein Clubauftritt mit eigenem Quartett oder das x-te Solo im Rahmen einer langen Tournee mit der Bigband des NDR ist. Ingolf Burkhardt live on stage: jedesmal eine kleine Sternstunde für den Jazz in Deutschland. Mehr davon!
Die Szene war jahrelang merkwürdig traumatisiert. Im Schatten verdienter Gründerväter wie Albert Mangelsdorff oder Klaus Doldinger gedeihte der Garten nicht gerade üppig. Viele Söhne gingen viel zu ehrfurchtsvoll und ernst ans Werk. Andere selbst ernannte Nachfolger blieben als Kopien der amerikanischen Überväter schon im Ansatz stecken.
Nun sind seit einigen Jahren die Enkel dran. Ob die Organistin Barbara Dennerlein, der Saxophonist Peter Weniger, der Trompeter Till Brönner oder der Sänger Peter Fessler: Bei ihnen fließen musikalische Klasse und entspanntes Selbstbewußtsein ganz reibungslos ineinander. Ohne den Ballast verbissener Theorie-Debatten beweisen diese Musiker, daß Jazz aus Deutschland sehr wohl eigenständig swingen und grooven kann. Endlich!
Endlich bekommt auch Ingolf Burkhardt die breite Anerkennung, die er als einer der herausragenden Köpfe dieser Enkel-Generation schon länger verdient. Der 38jährige Solotrompeter der NDR-Bigband ist seit mehr als zehn Jahren ein gefragter Gast bei unzähligen Pop- und Jazzproduktionen. Von Chaka Khan bis Van Morrison. Von Paul Kuhn bis Benny Golson.
Mit "Strangers hat Ingolf Burkhardt sein zweites eigenes Album eingespielt. Unterstützt wird er dabei von drei großartigen Musikern:
Detlev Beier (Jahrgang 1957), Bass-Mann aus Deutschlands erster Jazz-Reihe, hat unter anderem mit Joachim Kühn, John Scofield oder Michel Petrucciani zusammengearbeitet.
Der Brite Ian Thomas (Jahrgang 1963) zählt weltweit zu den gefragtesten Drummern in Sachen Jazz, Soul oder Pop. Er trommelt in der Hausband des berühmten Londoner Jazz-Clubs "Ronnie Scotts. Die ellenlange Liste seiner Studio-Jobs umfaßt Namen wie Elton John, Madonna, Georgie Fame oder Lou Rawls.
Der polnische Pianist Vladislav Sendecki (Jahrgang 1956) ist neben seinem festen Engagement beim NDR ein äußerst gefragter Begleiter (u.a. für Marcus Miller, Joe Henderson oder Michael Brecker). Sendecki hat auf dem Album seines Bigband-Partners entscheidende Impulse gesetzt und auch eine Komposition beigesteuert.Das Album knüpft nahtlos an den Vorgänger "Jazzed Friends (1996 eine Co-Produktion mit dem Posaunisten Ludwig Nuß) an. Burkhardts Spiel ist stark im Bebop verwurzelt. Kraftvoll treibt es vorwärts und löst sich in fein verästelte Arrangements auf. Neue Sound-Farben werden wie verschlungene Zweige freigelegt oder sprießen überraschend wie frische Knospen. Hier entfaltet jemand seine ganze Lust am Improvisieren und Entdecken. Mit dem Typus eines Jazz-Beamten, so das schnell gefällte Vorurteil über deutsche Bigband-Musiker, hat das nun wirklich nichts gemein. Straight ahead from Germany. Kraftvoll aber ganz und gar nicht teutonisch. Komplex aber beileibe nicht akademisch getragen. Humorvoll aber meilenweit entfernt von Louis-Armstrong-Imitation.
Mit der quirligen Nummer " Klonk begibt sich Burkhardt on the road: die Erinnerung an eine der vielen Heimfahrten von einem anstrengenden Gig. Klonk, Klonk das ist der Sound von Energy-Drink-Dosen, die auf der Rückbank seines Benz geräuschvolle Tänze vollführen. Das zum Thema Jazz-Romantik.
"Strangers In The Night Der Sinatra-Klassiker ist eine Lieblingsnummer des weit herumgekommenen Tour-Profis. Ein treuer Begleiter in all den Jahren: im Schulorchester, in den Tanz-Combos während der Studienzeit, in den diversen Bigbands und auch bei den Engagements für die Dinos des deutschen Show-Biz (von James Last über Max Greger bis Peter Alexander). Immer wieder war der Nachtgesang mit dem legendären Trompeten-Solo gefragt. Und nun die erstaunliche Hommage: Burkhardts Interpretation von "Strangers In The Night läßt einen fast totgedudelten Evergreen neu erblühen wie beim ersten Mal. Das ist wahre Hingabe und ein unbedingtes Highlight des Albums.
In der vielschichtigen "Autumn Suite ( Part 1 & 2) brilliert Burkhardt auf dem Flügelhorn. Eine Spezialität des gebürtigen Odenwälders. Die Anfänge: Mosbach anno 1972. Ingolf ist damals ein aufgeweckter, musisch talentierter Bub von neun Jahren. Der Opa belohnt ihn schließlich mit einer "Brezel. So nennt man dort ein Flügelhorn, das in den dörflichen Blaskapellen zum Ramba-Zamba beiträgt. So spielt der Bub munter drauf los und stößt schließlich über diverse Schul- und Nachwuchsorchester zu den Verlockungen des Swing und Blues vor. Das heißhungrige Brezeln ist irgendwie geblieben. Es hat sich nur ungemein verfeinert.
Aus Burkhardts Ton sind etliche Einflüsse herauszuhören. Mit einigen Helden seiner Jugend hat er dank des exzellenten Rufes der NDR-Bigband inzwischen sogar zusammengespielt: Art Farmer, Benny Bailey und vor allem mit dem großen Clark Terry. In Burkhardts Flügelhorn-Spiel schimmert seine Wertschätzung für Kenny Wheeler durch, in seinem Temperament auf der Trompete die Begeisterung für den frühen Freddie Hubbard. Ganz entscheidend aber war der Einfluß von Bobby Shew. Mit dem Kalifornier, früherer Star-Solist in den Bigbands von Tommy Dorsey und Woody Herman, arbeitete Burkhardt mehrere Jahre sehr eng zusammen. Ende der 80er Jahre tourten Mentor und Schüler sogar gemeinsam.
Die Komposition "Kids besticht durch rasante Tempowechsel und energiegeladenes Ensemblespiel. Über einem fiebrigen Groove, der durchaus einen Hauch Louisiana anklingen läßt, läuft das Quartett zur Höchstform auf. Das unterstreicht, welch ein guter Team-Player der sympathische Leader ist. Ursprünglich war die Formation nur für einen Gig im Hamburger "Birdland zusammengestellt worden. Doch nach dem umjubelten Abend war eine Band geboren, die Fortsetzung im Studio schnell vereinbart. In die Probezeit fiel die Geburt von Burkhardts Sohn Emil, seinem ersten Kind. Der Titel "Kids stand.
Schließlich "Blues For Viv, ein knackiger Opener mit wunderschönem Grundthema, ist seiner aus Schweden stammenden Frau Viveca gewidmet. Die Liebe und der Blues haben das Südlicht nach einem Schlenker über Köln schließlich im hohen Norden ankommen lassen. Die Burkhardts wohnen auf dem Lande zwischen Hamburg und Lübeck. Zuhause wird Deutsch, Schwedisch und Englisch gesprochen. Klein-Emil kreischt schon im Duett mit Daddys Übungs-Horn. Ein munteres Familienleben in idyllischer Abgeschiedenheit. Ab und zu schaut Freund Nils Landgren, der schwedische Bigband-Kollege, mit seiner Posaune vorbei. An solchen Abenden werden fast immer neue Ideen ausgesponnen: verrückte Bläser zwischen funky Barbeque und heissen schwedischen Stories. Bis zum Blues im Morgengrauen...
Uwe Killing